Seit fast fünfzig Jahren erinnert mich der September daran, dass Fürsorge nicht erst dann beginnt, wenn unser Körper laut wird.
Es gibt Monate, die tragen ihren ganz eigenen Zauber in sich. Für mich ist der September einer davon. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst in diesem Monat geboren wurde. Vielleicht aber auch daran, dass ich fast mein ganzes Berufsleben mit ihm verbunden habe.
Wenn die Sommerferien zu Ende gingen und sich die ersten Schulranzen wieder auf den Weg machten, begann für viele Familien ein neuer Abschnitt. Für die Kinder war es ein Wiedersehen mit ihren Freundinnen und Freunden. Für manche war es der erste Schultag überhaupt. Für Lehrkräfte und alle, die mit Kindern arbeiteten, begann wieder ein Alltag voller Begegnungen, Gespräche, Lachen und Lernen.
Fast fünfzig Jahre durfte ich diesen Rhythmus begleiten. Und obwohl jedes Schuljahr anders war, gab es etwas, das sich erstaunlich zuverlässig wiederholte.
Zunächst war da die Freude über den Neubeginn. Die Feriengeschichten wurden erzählt, neue Hefte wurden beschriftet und überall lag diese besondere Aufbruchsstimmung in der Luft. Doch oft dauerte es nur wenige Wochen, bis sich die ersten Erkältungen ihren Weg bahnten. Kinder fehlten im Unterricht, Lehrkräfte mussten vertreten werden und in vielen Familien gehörten Taschentücher plötzlich wieder ganz selbstverständlich auf den Küchentisch.
Jedes Jahr hörte ich dieselben Erklärungen. Die einen sagten, die Kinder seien morgens noch zu dünn angezogen. Andere meinten, sie hätten sich gegenseitig angesteckt. Wieder andere waren überzeugt, dass die vielen neuen Eindrücke und Veränderungen ihren Teil dazu beitrugen.
Ob all das zutraf, vermag ich nicht zu beurteilen. Was ich jedoch beurteilen konnte, war mein eigener Umgang mit dieser Zeit. Irgendwann stellte ich mir eine Frage, die mich bis heute begleitet.
Warum sollte ich eigentlich warten, bis mein Körper mir zeigt, dass er Unterstützung braucht?
Diese Frage war kein großer Wendepunkt. Sie kam ganz leise. Fast unbemerkt. Und doch veränderte sie etwas in mir.
Ich begann, den September mit anderen Augen zu sehen. Nicht mehr als den Monat, in dem die Erkältungszeit langsam beginnt, sondern als eine Einladung, meinem Körper schon vorher Aufmerksamkeit zu schenken.
Nicht aus Angst. Nicht, weil ich ständig krank war, sondern aus Wertschätzung.
Heute, viele Jahre später, bin ich dankbar, dass ich diese Entscheidung damals getroffen habe. Sie hat mir gezeigt, dass Gesundheit für mich nicht erst dann beginnt, wenn etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Sie beginnt viel früher. An einem ganz gewöhnlichen Morgen. Mit kleinen Entscheidungen, die niemand außer mir bemerkt.
Seitdem gehört der September für mich zu den Monaten, in denen ich besonders achtsam werde. Ich genieße die kühleren Morgenstunden, freue mich über das goldene Licht zwischen den Bäumen und spüre, wie die Natur langsam ihren Rhythmus verändert. Fast unbemerkt verändert auch mein Körper seinen Rhythmus. Vielleicht braucht er jetzt etwas mehr Ruhe. Vielleicht etwas mehr Schlaf. Vielleicht einfach nur ein wenig mehr Aufmerksamkeit.
Früher hätte ich diese kleinen Signale wahrscheinlich übersehen.
Heute höre ich ihnen gerne zu.
Ich habe gelernt, dass Fürsorge nichts Spektakuläres sein muss. Sie beginnt nicht mit großen Vorsätzen und auch nicht mit dem Wunsch, alles perfekt zu machen. Sie zeigt sich vielmehr in den kleinen Ritualen, die uns Tag für Tag begleiten dürfen. Ein bewusstes Frühstück. Ein paar Minuten Stille am Morgen. Ein Spaziergang durch die frische Luft. Ein Glas Wasser mehr. Oder eine liebevolle Gewohnheit, die uns daran erinnert, dass unser Körper jeden Tag sein Bestes für uns gibt.
Gerade weil ich so viele Jahre erleben durfte, wie schnell der Alltag nach den Sommerferien wieder Fahrt aufnahm, wünsche ich mir heute etwas anderes. Ich möchte meinem Körper nicht erst dann Aufmerksamkeit schenken, wenn er mich dazu zwingt. Ich möchte ihn begleiten, solange er leise mit mir spricht.
Vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis, die mir all diese September geschenkt haben. Gesundheit beginnt für mich nicht im Wartezimmer. Sie beginnt an einem ganz normalen Septembermorgen.
Vielleicht sogar genau heute.
Zum Nachspüren
Vielleicht magst du nach dem Lesen einen Moment innehalten.
Nicht, um sofort etwas zu verändern. Nicht, um eine neue Liste zu schreiben oder dir ein großes Ziel zu setzen, sondern einfach nur, um deinen Körper wahrzunehmen.
Welche kleinen Signale schenkt er dir im Moment?
Daraus entsteht eine neue Frage für dich:
Wie könntest du ihn in den kommenden Wochen liebevoll begleiten, bevor er laut werden muss?
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem großen Schritt. Manchmal beginnt sie mit einem einzigen Gedanken, der uns auf einmal nicht mehr loslässt.
Du möchtest mehr erfahren?
Wenn du neugierig geworden bist, welche kleinen Gewohnheiten mich seit vielen Jahren durch den Herbst begleiten oder welche Erfahrungen ich persönlich in dieser Zeit gemacht habe, dann freue ich mich auf deine Nachricht über mein Kontaktformular. Ich nehme mir gerne Zeit für deine Fragen.


